Ausgabe 45, 5. bis 11. November 2011

Wo von Mirjam die Rede ist, erscheint auch das Volk. Miriams Tanz, Miniatur aus dem bulgarischen Tomić-Psalter 1360/63.Wo von Mirjam die Rede ist, erscheint auch das Volk. Miriams Tanz, Miniatur aus dem bulgarischen Tomić-Psalter 1360/63.

Exodus 15,20f
Die Prophetin Mirjam, die Schwester Aarons, nahm die Pauke in die Hand und alle Frauen zogen mit Paukenschlag und Tanz hinter ihr her. Mirjam sang ihnen vor:
Singt dem Herrn ein Lied,
denn er ist hoch und erhaben!
Rosse und Wagen warf er ins Meer.

Numeri 20,1f
Im ersten Monat kam die ganze Gemeinde der Israeliten in die Wüste Zin und das Volk liess sich in Kadesch nieder. Dort starb Mirjam und wurde auch dort begraben. Da die Gemeinde kein Wasser hatte, rotteten sie sich gegen Mose und Aaron zusammen.


Mirjam – tanzender Widerstand

Sicher kennen Sie Mose, dessen Name uns sein Schicksal erzählt, Mose ist «der aus dem Wasser gezogene». Er hat zwei Geschwister, Aaron und Mirjam. «Mirjam» könnte je nach zugrunde gelegtem Wortstamm «Geliebte», «Wunschgeschenk Gottes» oder auch «Trotzkopf», also Widerspenstige, heissen. 

Wir lernen Mirjam im Buch Exodus zunächst als eine mutige Prophetin kennen, die das Geschehen deutet. Sie singt über JHWHs Grösse und steckt andere mit ihrer Freude an. Sie bewegt die anderen Frauen dazu, ihr mit Tanz und Gesang zu folgen. Diese Mirjam macht Mut, unsere Freude zu feiern und voller Energie voranzuschreiten. 

Doch im zwölften Kapitel des Buches Numeri erlebt sie noch anderes. Mirjam wird mit Hautausschlag bestraft, weil sie und Aaron Mose entgegentreten. Die Geschwister wittern Verrat darin, dass er eine Frau geheiratet hat, die nicht aus ihrem Volke stammt. Gott jedoch stellt sich auf die Seite Moses und betont, dass nur Mose Gott von Angesicht zu Angesicht sehen kann. Irgendwie geht es um die Frage von Führung und Macht, denn das Volk jammert und klagt immer wieder gegen Mose, der Weg durch die Wüste in die Freiheit ist ihnen zu steinig. 

Die Thematik, dass sich das Volk nicht mit Fremden vermischen soll, ist im Ersten Testament wiederholt zu finden und weckt in mir ein ungutes Gefühl für unsere heutige Zeit, in der ich in Binningen nur wenige Taufgespräche mit einem ganz normalen Schweizer Ehepaar führe und die Angst vor dem Fremden Mensch und Gesellschaft in ihrer Energie lähmt. Angst ist selten eine gute Ratgeberin. 

Gott sieht das in diesem Fall anscheinend auch so, denn er stellt Mose Entscheidung nicht in Frage. Immerhin ist dieser mit Zipporah auch schon seit der Zeit seiner Flucht aus Ägypten verbunden.

Haben Mirjam und auch Aaron ihre Energie auf etwas verschwendet, was es gar nicht wert ist? Oder ist dieser Text ein Meisterstück im Thema Machtlegitimation und führt besonders Mirjam als naive und dumme Frau vor? Vielleicht beides. Ich finde es einerseits bedenklich, dass Gott niemanden neben Mose gelten lässt. Andererseits bin ich froh, wird diese Fremdenfrage hier auf kleiner Flamme gekocht. 

Mirjam und Aaron hätten sich genau und ehrlich gegenüber sich selbst überlegen sollen, wogegen sie sich eigentlich wehren und wo sie ihre Kraft in diesem Moment positiv hätten einsetzen können. 

Vielleicht hätten sie dem murrenden Volk zur Seite stehen und es auf dessen Weg durch die Wüste stärken können, denn zum Volk scheint zumindest Mirjam einen besonderen Draht zu haben. In allen drei bekannten Bibelstellen, in denen von Mirjam die Rede ist, kommt nämlich auch das Volk vor. Zuerst die Frauen, die ihr tanzend folgen, dann das Volk, das nicht weiterzieht, bis Mirjam wieder in die Gemeinschaft zurückkehren kann und schliesslich gibt es nach ihrem Tod kein Wasser, weshalb das Volk wieder gegen Mose murrt. 

Die tanzende Mirjam, der Trotzkopf, mahnt mich einerseits, meine Widerstandskraft nicht in Trotz verkommen zu lassen und andererseits macht sie mir Mut, von der Freude zu singen und gemeinsam zu tanzen, denn das bewegt und stärkt das Volk und wischt die Angst weg. 

Kerstin Rödiger, Theologin

 

ZUM THEMA

  • Auch bei 35 Grad ist der Priesterkragen ein Muss

    Sommerzeit ist Leidenszeit für Priester in Italien: Hier, wo die geistliche Kleiderordnung noch in Ehren steht, wird bei 35 Grad im Schatten das beliebte schwarze Kollarhemd aus Polyester zum reinsten Saftbeutel. Zwar darf sich der geweihte Mann von Welt inzwischen auch in kurzen Ärmeln sehen lassen, aber mit offenem Kragen sollte man dem Bischof nicht unbedingt unter die Augen treten. >> mehr...

  • Kleine Schritte, die verändern

    Eher humoristisch tönt der Satz: «Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.» Und beschreibt aber vielleicht doch eher den Zustand und die Lebensweise unserer Gesellschaft. Wie nun einen Mittelweg finden? >> mehr...

Serie

  • Frauen in der Bibel

    Prophetinnen, Apostelinnen, Ahnfrauen: Die bedeutenden Frauen der Bibel müssen manchmal erst gefunden werden. Die Bibelwissenschaftlerin Helen Schüngel-Straumann hat einige entdeckt. >> mehr...

Offene Stellen

 

Kirche heute
Innere Margarethenstrasse 26, 4051 Basel, Tel. 061 363 01 70, Fax 061 363 01 71, sekretariat@kirche-heute.ch