Ausgabe 27-29, 30. Juni bis 20. Juli 2012

Sexualmoral als Lebenshilfe?

Martin M. Lintner will mit seinem Buch «den Eros entgiften»

Ein «Plädoyer für eine tragfähige Sexualmoral und Beziehungsethik» nennt der Brixener Moraltheologe Martin M. Lintner sein Buch «Den Eros entgiften». Er zeigt auf, was die Bibel zu einem zeitgemässen Umgang mit Sexualität beitragen könnte und dass es auch in der kirchlichen Sexual­moral noch einiges Positives zu entdecken gibt.

Seit der «Pillenenzyklika» Humanae vitae, 1968 von Papst Paul VI. veröffentlicht, nehmen viele Katholiken kaum mehr zur Kenntnis, was die Kirche im Bereich der Sexualität sagt. Nur das Kondomverbot, vor allem im Zusammenhang mit Aids, bringe es noch in die Schlagzeilen der Medien, meint Lintner. In einem grossen Bogen von den biblischen Aussagen über das Konzil bis zu den jüngsten Missbrauchsskandalen zeigt er gut lesbar auf, wie die jüdisch-christliche Tradition die Sexualität zwar unterschiedlich bewertet, dabei aber letztlich doch viel Hilfreiches zum Thema ­Liebe und Beziehung überliefert hat. 

Lintner beginnt vorne, bei der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau. Und nicht grundlos stellt er die Frage, ob es das Hohelied, die Sammlung von Liebesliedern, heute in den Kanon der Heiligen Schrift schaffen würde. Denn wo das Alte Testament positiv und selbstverständlich mit der Sexualität umgeht, werden dann die Kirchenväter im dritten Jahrhundert die sexuelle Enthaltsamkeit hervorheben. In der Bibel aber wird der Geschlechtsverkehr mit dem Verb «erkennen» beschrieben. Damit wird klar, dass es dabei um Vertrauen, Achtung und Ehrfurcht vor ­einander geht. Lintner macht aber auch deutlich, dass das biblische Verbot des Ehebruchs (in den «zehn Geboten» in Exodus 20 und Deuteronomium 5) den Schutz des Eigentums des Mannes im Blick hat. Das Gebot wolle die soziale Ordnung schützen und sei nicht durch eine negative Bewertung der Sexualität motiviert. «Grundsätzlich herrscht im Alten Testament ein positives Verhältnis zur Sexualität vor.» Und Jesus zeigt nach Überlieferung der Evangelien nicht nur einen unbekümmerten Umgang mit Frauen. Seine Aussagen zur Ehescheidung würden auch eine Stärkung der Position der Frau bedeuten, meint Lintner.

Kirche hat Frauen diskriminiert
In der Kirchengeschichte setzt sich dann die Auffassung durch, dass Sexualität nur zur Zeugung von Kindern ausgeübt werden dürfe. Die christliche Tradition sei dabei geprägt worden von einer Erniedrigung und Diskriminierung der Frau, meint Lintner. Papst Johannes Paul II. schrieb 1995 einen «Brief an die Frauen», in dem er bedauerte, dass auch «‹zahlreiche Söhne der Kirche› dazu beigetragen hätten, dass die Frau in ihrer Würde verkannt wurde.» 

Das Zweite Vatikanische Konzil sprach in Gaudium et Spes von der gegenseitigen Liebe von Mann und Frau. Die Sexualität wird hier als Ausdruck der personalen Liebe angesprochen. Lintner weist darauf hin, dass Papst Paul VI. in Humanae vitae nicht der Mehrheit der vorbereitenden, aus Theologen, Eheleuten und Ärzten bestehenden Kommission folgte, die ihm die Zulassung von künstlicher Empfängnisverhütung empfahl. 

Aus seinen Überlegungen zum Verhältnis von (subjektivem) Gewissen und (objektivem) Wahrheitsanspruch der Kirche schliesst Lintner, dass das Lehramt ein gewisses Misstrauen in die moralische Reife der Gläubigen offenbare. Er weist dann aber auch darauf hin, dass es Humanae vitae wesentlich um die Integrierung der Sexualität in die personale ganzheitliche Liebe gegangen sei.

Kritik an der Reduktion auf den Körper
Schliesslich weitet er in seinem rund 160 Seiten knappen Buch den Blick auf das christ­liche Menschenbild: «Der christliche Glaube ist hier hilfreich, denn er setzt kritisch und befreiend an: Kritisch, weil er einmahnt, dass kein Mensch auf seinen Körper reduziert werden darf. (…) Befreiend, weil er den Druck nimmt, im Körperlich-Materiellen, also im Vergänglichen, Irdischen und Hinfälligen das Heil zu finden.» Sexualität sei Beziehungs- und Kommunikationsgeschehen. «Der Schlüs­­sel zu einer gelingenden Sexualität liegt auf der Beziehungsebene: in der ganzheitlichen Wertschätzung der Partnerin bzw. des Partners und in der personalen Liebe.»

Ermöglichung von Leben
Die Kirche dürfe angesichts der vielen Probleme wie Missbrauch, sexuelle Gewalt, Frauenhandel und Pornografie nicht schweigen, meint Lintner. Sie sollte aber, wie das auch der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn sagte, von einer «Pflicht-Moral» zu einer «Moral des Glücks» finden. Schönborn habe dafür plädiert, nicht Sünde und Verbot ins Zentrum zu stellen, sondern die Ermutigung, den Geboten gemäss den eigenen Möglichkeiten und sittlichen Einsichten mehr und mehr zu entsprechen. Denn Ziel der Gebote sei doch die Ermöglichung und Entfaltung von Leben. 

Alois Schuler


Martin M. Lintner: Den Eros entgiften. Tyrolia-Verlag 2011.

 

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