Politik und Kirche kämpfen mit den Tücken der öffentlichen Kommunikation. Den Spagat zwischen dem, wie man öffentlich wahrgenommen wird und was man eigentlich der Öffentlichkeit mitteilen will, vollführen nicht nur die katholische Kirche der Schweiz, sondern auch Schweizer Spitzenpolitiker.
Der Luzerner FDP-Nationalrat und Unternehmer Otto Ineichen sowie der Basler Bischof Felix Gmür gerieten bei einer Podiumsdiskussion in Zürich zum Thema «Wie politisch darf die Kirche sein?» oft aneinander. Eigentlich möchte er als «lösungsorientierter» Politiker wahrgenommen werden, gesehen werde er aber vor allem als «FDP-Nationalrat», meinte Otto Ineichen. Bischof Felix Gmür steht vor einem ähnlichen Problem: Wenn die Kirche schon einmal Stellung zu einem politischen Thema nimmt, dann heisst es sehr schnell, sie politisiere im Bereich der linken Parteien. Das tue sie ja auch, gesehen «aus der Warte der bürgerlichen Parteien», bestätigte Ineichen. Bischof Gmür verwahrte sich gegen eine solche Einschätzung und verwies auf die Eckpunkte kirchlichen Engagements.
Ein Bischof müsse zwar politisch neutral sein. Gmür fügte aber hinzu: «Ich bin da, um Wege aufzuzeigen oder Richtungen, in die man gehen könnte.» Die Kirche müsse sich zu den Themenbereichen Gerechtigkeit, Chancengleichheit oder Würde des Menschen äussern und sich einsetzen für «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung». Ihr politische Parteinahme zu unterstellen, gehe nicht an.
Sachliche Diskussion als Fernziel
Die Diskussionsrunde mit Gmür und Ineichen zeigte die Schwierigkeiten der öffentlichen Kommunikation auf. Um vom Vertreter der Kirche politisch brisante Aussagen zu erhalten, wurde dieser mehrmals mit «provokativen» Fragen konfrontiert. Auf diese vermochte der Bischof sachlich nicht zu antworten, weil es den Provokationen an Substanz fehlte. Bei diesen handelte es sich allzu oft um kolportierte pauschale Wahrnehmungen der katholischen Kirche, wie sie in der heutigen Gesellschaft zirkulieren.
Ineichen forderte von den Bischöfen, sie müssten «lösungsorientiert» Stellung nehmen, das heisst, weniger kritisieren als vielmehr sich «positiv» in die politischen Diskussionen einbringen. Die Bischofskonferenz werde aufgrund ihrer Stellungnahmen als verlängerter Arm des Vatikans wahrgenommen. Die Bischöfe müssten stattdessen «positiv» über das reden, was an der Basis der Kirche Schweiz geschehe, sagte Ineichen. Er meinte weiter, viele Kirchenaustritte würden durch politische Stellungnahmen der Bischöfe provoziert, etwa Stellungnahmen im Asylbereich.
Diesen Vorwurf liess der Bischof nicht gelten und konterte auf die Erklärung Ineichens, heute seien die grosse Mehrheit der Asylsuchenden Wirtschaftsflüchtlinge: Im Asylwesen müsse die Kirche im Sinne der Gerechtigkeit für alle Menschen auf gerechte Asylverfahren bestehen. Sie könne nicht wie gewisse Politiker pauschal in das Lied über die Masseneinwanderung einstimmen. Die Kirche müsse die Gesellschaft immer wieder für mehr Menschlichkeit sensibilisieren.
Die Kirche schweige zur Arbeitslosigkeit, meinte der Politiker. Gmür erklärte, dass jeder Mensch ein Recht auf Arbeit habe. Der Mensch müsse über ein Grundeinkommen verfügen. Und schon gingen in der Diskussion die Wogen wieder hoch. Ineichen sprach sich gegen einen «Allversorgerstaat» aus und für einen Grundlohn, auf den jeder ein Anrecht habe, der sich für die Gesellschaft auch «eigenverantwortlich» einsetze.
Grenzen kirchlicher Stellungnahmen
Der Bischof gab zu bedenken, dass die Kirche zu verschiedenen Themen nicht Stellung nehme, wie zum Beispiel zur «Weissgeldstrategie» der Banken, weil die Kirche in diesen Bereichen nicht kompetent sei. Hingegen verfügten die Bischöfe über Kommissionen, in denen Experten beispielsweise aus dem Bioethikbereich sitzen, welche durchaus im Sinn der katholischen Kirche zu aktuellen Fragen der Fortpflanzungsmedizin Stellung nehmen können. Zur Anti-Minarett-Initiative habe sich die Bischofskonferenz geäussert, weil sie den religiösen Bereich berührte.
Kommunikation verbessern
Ein grosses Manko ortete der Bischof nicht in den inhaltlichen Aussagen der katholischen Kirche, sondern in ihrer Kommunikation gegenüber der Gesellschaft. Die Kommunikation müsse verbessert werden, dann werde der Standpunkt der Kirche wohl auch von der Mehrheit der Schweizer besser verstanden.
Gmür wies den FDP-Politiker zum Schluss darauf hin, dass die katholische Kirche in der Schweiz nicht im Abseits stehe. Die Kirche mache in der Gesellschaft einiges weniger gut, anderes besser. Sie müsse mit den Tausenden von Menschen, die für sie mit Wort und Tat einstehen, «aber noch besser werden», stellte der Bischof abschliessend fest.
Georges Scherrer / Kipa
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