Ausgabe 21, 19. bis 25. Mai 2012

«Wer nicht sprechen kann, kann nicht hören»

Pater Klaus Mertes über seine Erfahrungen mit dem Missbrauchsskandal

Pater Klaus Mertes, Direktor des Kollegs St. Blasien und ehemaliger Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin. (Foto: KNA-Bild)Pater Klaus Mertes, Direktor des Kollegs St. Blasien und ehemaliger Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin. (Foto: KNA-Bild)

Sein Brief an potenzielle Betroffene sexueller Übergriffe im Berliner Canisius-Kolleg löste im Januar 2010 eine Lawine aus. Letzte Woche sprach Jesuitenpater Klaus Mertes in Basel zu «Macht, Sexualität und Kirche» und beklagte die Herz- und Sprachlosigkeit der Kirche, wenn es um das Thema Sexualität geht.

Es begann am 14. Januar 2010 mit dem Besuch dreier ehemaliger Schüler des Berliner Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg, die Klaus Mertes, dem damaligen Rektor, vom sexuellen Missbrauch durch zwei frühere Lehrkräfte berichteten. Am 20. Januar 2010 wandte sich Mertes mit einem Brief an rund 600 Schüler der potenziell betroffenen Jahrgänge. Es kam, wie es kommen musste: Der Brief gelangte an die Öffentlichkeit, und mit der Publikation am 28. Januar 2010 in der Berliner Morgenpost brach der Sturm los. Zweck des Briefs sei es gewesen, den möglichen Betroffenen Ansprechbarkeit zu signalisieren, sagte Mertes in seinem Vortrag in der Veranstaltungsreihe «Uni.Sex» der Katholischen Universitätsgemeinde Basel.

Doppelter Missbrauch
Das Anhören der Opfer ist ein zentraler Punkt. Missbrauch habe immer zwei Aspekte, sagte Mertes. Neben der Tat selbst ist es die Erfahrung der vollkommenen Schutzlosigkeit im System, ob dieses nun Kirche, Schule oder Familie heisst. Die Jugendlichen im Canisius-Kolleg hätten damals zu sprechen versucht, seien aber nicht angehört worden. Damit hänge auch die Institution im Missbrauch drin. Statt der Opfer würden die Täter geschützt, indem sie aus dem Verkehr gezogen, in eine Therapie geschickt und dann anderswo eingesetzt würden, schilderte es Mertes. Genauso sei es auch im Fall der beiden Lehrer im Canisius-Kolleg geschehen. 

Was kann die Kirche tun, um besser hören zu können, wenn Opfer sprechen? Fünf Punkte seien es, die wie Schatten auf der Kirche liegen und es ihr schwer machen würde, zuzuhören, sagte Mertes: Herzlosigkeit, Unkeuschheit, Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Sprachlosigkeit.

Die Pointe des Evangeliums
Herzlos sei es, wenn aussereheliche Kinder als «Kinder der Sünde» bezeichnet würden, wenn Paaren die kirchliche Trauung verweigert werde, weil sie unverheiratet zusammenleben, sagte Mertes. Eine unselige Rolle spielt das Patriarchat, das die Beziehung von Mann und Frau als Besitzverhältnis und Ehebruch als Verletzung von Eigentumsrechten definiert. Jesus hingegen habe gesagt: Wer die Ehe bricht, versündigt sich an seiner eigenen Frau. Das sei die Pointe des Evangeliums, sagte Mertes und verwies auf den Galaterbrief (Gal 3,26): «Es gibt nicht mehr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Mann oder  Frau …» Vor diesem Hintergrund sei es schwer zu verstehen, warum die römisch-katholische und die orthodoxe Kirche auf einer patriarchalen Ordnung bestehen würden. 

Als ein Beispiel für die Frauenfeindlichkeit der Kirche nannte Mertes das Zurückdrängen der Mädchen vom Messedienst wie etwa in einzelnen amerikanischen Diözesen. «Freude an Männlichkeit ist nicht unschuldig, auch wenn sie fromm daherkommt», sagte Mertes. Das Männerbündische habe eine frauenfeindliche Seite.

Übergriffiges Verhalten
Unkeuschheit mag vielen als altmodischer Begriff erscheinen, innerkirchlich sei er aber nach wie vor von erheblicher Bedeutung, betonte Mertes. Sexueller Missbrauch sei ein monströser Fall von Unkeuschheit. Diese sei durch Manipulation, Übergehen von Schamgefühlen, übergriffige Nähe gekennzeichnet. Unkeusch sei etwa, wenn der Priester im Beichtstuhl Fragen zur Sexualität stellen würde, oder generell die Fixierung der Kirche auf Themen der Sexualmoral. Im Gegensatz dazu sei Keuschheit ein «reines Herz». 

Als problematisch erachtet Mertes auch die Haltung der katholischen Kirche zur Homosexualität. Zwischen Homophobie und verleugneter eigener Homosexualität bestehe ein tiefer Zusammenhang. Oder anders gesagt: Man bekämpft bei anderen das, was man bei sich selbst befürchtet. 

Als verheerend beurteilt Mertes die Auswirkungen der Sprachlosigkeit der Kirche zum Thema Sexualität. Die katholische Kirche sei auf Themen der Sexualmoral fixiert und habe ein Problem mit dem 6. Gebot: Alles, ausgenommen Sex in der Ehe, gelte als schwere Sünde und jede differenzierende Frage werde gleich als Plädoyer für «anything goes» betrachtet, sagte Mertes. Solange aber ein Priester nicht in der Ich-Form über die eigene Sexualität sprechen könne, sei man sprachlos. Mit dramatischen Folgen für die Opfer von Übergriffen: «Wer nicht sprechen kann, kann nicht hören.» 

Klaus Mertes ist für sein Engagement als «mutiger Mann» gelobt, aber auch als ­«mediengeiler Nestbeschmutzer» beschimpft worden. Seine Initiative löste eine Lawine aus: Nach und nach wurden weitere Fälle publik, in kirchlichen und weltlichen Institutionen.

Nach dem ersten Bericht blieb das Cani­sius-Kolleg wochenlang in den Schlagzeilen. Von der «Schule des Grauens» war die Rede. Die Stigmatisierung der Institution war vor allem für die Schüler eine Belastung. Sie hätten aber begriffen, dass dies der Preis sei, den man zahlen müsse, wenn man aufklären wolle, sagte Mertes. Das sei eine grossartige Leistung gewesen. 

Regula Vogt-Kohler 



Entschädigung umstritten

Die beiden Täter, die Klaus Mertes mit ihren richtigen Vornamen nannte, haben unterschiedlich auf die Vorwürfe des Missbrauchs reagiert. W. habe alle Taten gestanden und sich in einem Brief an die Opfer gewandt. Der andere, P., sei «vollkommen uneinsichtig», sagte Klaus Mertes. Er wies die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs zurück und machte geltend, es habe sich um pädagogische Massnahmen gehandelt. 

Zu den Missbrauchsfällen in Berlin liegen Berichte von zwei unabhängigen Untersuchungsbeauftragten vor. Die Berichte befassen sich ­sowohl mit den Missbräuchen als auch mit der Verantwortungskette. Noch umstritten sei ­hingegen die Frage der Entschädigung, sagte Klaus Mertes.

 

Offene Stellen

ZUM THEMA

  • Bischof Simon aus Burundi firmt Basler Jugendliche

    Erzbischof Simon Ntamwana von Gitega in Burundi wird am letzten Mai- und am ersten Juni-Wochenende in den Basler Pfarreien das Sakrament der Firmung spenden. Gleichzeitig hofft er auf Spenden für ein von ihm initiiertes Kinderheim und ein Gesundheitszentrum im noch immer vom Bürgerkrieg gezeichneten Land. >> mehr...

  • «Lasst ihn fluchen!»

    «Er kam David mit Flüchen entgegen und warf mit Steinen nach ihm. Schimi schrie und fluchte: ‹Verschwinde, verschwinde, du Mörder, du Niederträchtiger!› Da sagte Abischai zum König: ‹Warum flucht dieser tote Hund meinem Herrn, dem König? Ich will hinübergehen und ihm den Kopf abhauen!› Doch der David antwortete: «Lasst ihn fluchen! Sicherlich hat es ihm der Herr geboten.» >> mehr...

 

Kirche heute
Innere Margarethenstrasse 26, 4051 Basel, Tel. 061 363 01 70, Fax 061 363 01 71, sekretariat@kirche-heute.ch