Ausgabe 18-19, 28. April bis 11. Mai 2012

Eva-Maria Faber auf der Terrasse der Theologischen Hochschule in Chur. (Foto: zVg)Eva-Maria Faber auf der Terrasse der Theologischen Hochschule in Chur. (Foto: zVg)

Der Kirche fehlt es an Solidarität mit der Welt

Die Churer Theologin Eva-Maria Faber sprach in Luzern zum 50-Jahr-Jubiläum des Konzils

Die Kirche ist zu wenig solidarisch mit der Welt. Daher rührt die heutige «Kirchen­krise». Eva-Maria Faber, die Rektorin der Theologischen Hochschule Chur, lud im März in einer öffentlichen Vorlesung an der Universität Luzern dazu ein, die Kirche als «messianisches Volk Gottes» neu zu entdecken.

Die Kirche hat in der Sicht des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) die zentrale Aufgabe, für die Welt «Zeichen der Hoffnung» zu sein. Eva-Maria Faber, Professorin für Dogmatik in Chur, betonte in ihrem Vortrag im Rahmen einer Ringvorlesung zum 50-Jahr-Jubiläum des Zweiten Vaticanums, dies sei eine der zu wenig aufgenommenen Kernaussagen des Konzils. Ihre Vorlesung trug den Titel: «Kirche als messianisches Volk Gottes oder: Warum Kirchenkrisen zu Gotteskrisen werden».

Hoffnung für die Welt
Messianisch zu sein bedeutet für die Kirche, sich in die Welt gesandt zu wissen und mit ihr solidarisch zu sein. Leider habe das Christentum wegen seiner Betonung von Kult und Moral das Bewusstsein verloren, dass der Glaube Hoffnung bedeute, «eine allumfassende Hoffnung, selbst für die sogenannte ma­terielle Welt.» Eva-Maria Faber verwies auf die biblischen Grundlagen des Messianismus: Die messianische Sendung der Kirche habe ihren Ursprung im messianischen Wirken Jesu, welcher Christus/Messias genannt werde. Dessen Kennzeichen seien die von ihm vollbrachten messianischen Zeichen, und zwar Zeichen zugunsten der benachteiligten Menschen. So komme die Kirche nicht daran vorbei, sich zu fragen, wo heute die Benachteiligten seien. Darum müsse sie die Zeichen der Zeit zu lesen verstehen.

Politische Dimension des Evangeliums
Keinesfalls dürfe die Kirche unter dem Vorwand, einen «innerweltlichen Messianismus» zu vermeiden, die politische Dimension des Evangeliums ausschliessen. Dies unterstrich die Referentin und meinte weiter, die christliche Hoffnung sei zwar eschatologisch (endzeitlich). Doch dürfe dies nicht zu einer Distanzierung zur Geschichte und Welt verleiten. Im Gegenteil: Die christliche Perspektive der Hoffnung müsse zu einer beispiellosen Hinwendung zur Welt führen. Und: Diese Hoffnung sei im Denken des Konzils keineswegs weltfern und weltfremd.

Eine Kirche, die mit der Welt solidarisch ist, kann auch in der aktuellen Diskussion um die Kirchensteuer juristischer Personen punkten, meinte Faber. Eine solche Kirche könne glaubwürdig nachweisen, dass sie einen «Beitrag zum Wohlergehen einer Gesellschaft leistet und die ihr dafür gegebenen Mittel beherzt einsetzt.»

Woher kommt die Kirchenkrise?
«Die Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit Gottes muss durch eine menschenfreundliche und barmherzige Praxis der Kirche erfahrbar werden.» Mit dieser These leitete die Churer Theologin über zu den Ursachen der heutigen Kirchenkrise. Diese habe einen wesentlichen Grund darin, dass die Kirchenleitungen vielfach von diesem Ideal abrückten. Das Konzil habe der Welt zwar «Solidarität, Mitarbeit und Dialogbereitschaft» versprochen. Doch «diese ausgestreckte Hand hin zur Welt scheinen heute nicht wenige mehr oder weniger kirchenoffizielle Äusserungen zu widerrufen.»

Die Tendenzen der Abgrenzung seien unübersehbar stärker geworden als die Kräfte des Dialogs. In vielen, auch päpstlichen Verlautbarungen sei ein verurteilender Ton nicht zu überhören, so etwa, wenn Benedikt XVI. von «Relativismus» spreche.

Und die «Gotteskrise»?
«Der Verweis auf die Gotteskrise will Aspekte, welche die Kirche und ihre Strukturen betreffen, relativieren.» Damit bezog Eva-Maria Faber Position zur Forderung mancher Bischöfe und Kardinäle, man solle sich doch endlich auf das Wesentliche konzentrieren und zweitrangige Fragen wie die kirchlichen Strukturen vergessen. Wenn es eine Glaubenskrise gebe, sei dafür auch eine Verkündigung schuld, die «Glaube als Glaubensgehorsam gegenüber der kirchlichen Lehre auslegt.» Die Kirche schiebe sich, auch in ihrer Gottesverkündigung, selbst stark in den Vordergrund. «Es werden Spiritualitäten propagiert, die stark kirchenzentriert, manchmal sogar papstzentriert sind.»

Eine messianische Kirche, die in der Nachfolge des Messias/Christus/Jesu stehe, habe wie dieser solidarisch mit der Welt zu sein. Die Kirche erfülle diese Aufgabe umso besser, je mehr sie sich um Inkulturation bemühe. Doch in letzter Zeit seien die dafür notwendigen Freiräume der Ortskirchen von der obersten Kirchenleitung begrenzt worden, bedauert Faber. «Die Zentralisierung führt zu einer beeinträchtigten Flexibilität der Verkündigung vor Ort.» Als Beispiel nannte Eva-Maria Faber die Verpflichtung auf eine möglichst wortgetreue Übersetzung des lateinischen Messbuches, was zu einer problematischen, weltfremden Liturgiesprache führe.

Am Schluss ihrer mit grossem Applaus aufgenommenen Vorlesung brachte Eva-Maria Faber mit einer Vision des protestantischen Autors der «Theologie der Hoffnung», Jürgen Moltmann, die ökumenische Dimension ins Spiel: «Die Kirchen entdecken sich als die ‹Eine Kirche Christi›. Sie entdecken dabei zugleich, dass sie gemeinsam in Christi messianische Sendung hineingezogen werden und zur Kirche des kommenden Reiches Gottes werden.»

Walter Ludin/Kipa


Symposium in Freiburg

An der Universität Freiburg i.Üe. findet am 27. April aus Anlass des 75. Geburtstags von Leo Karrer ein Symposium unter dem Titel «Glaubwürdigkeit der Kirche – Würde der Glaubenden» statt. Unter anderem spricht Leo Karrer mit Bischof Felix Gmür und Kirchenbundspräsident Gottfried Locher. Daneben sprechen auch Norbert Mette, Anton Rotzetter, Ottmar Fuchs, Hermann Steinkamp, Franz-Xaver Kaufmann und andere über Schlüsselfragen zur Lage und Zukunft der Kirche. Die Veranstaltung beginnt um 10 Uhr in der Aula Magna, der Eintritt ist frei. Kh


 

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