Was wäre, wenn Jesus heute nach Jerusalem käme? Diese Frage hat Kipa dem Freiburger Neutestamentler und Jerusalem-Experten Max Küchler gestellt. «Mit der Allgegenwärtigkeit des Kreuzes hat er seine Mühe», glaubt Küchler. «Jesus fragt sich, ‹Was habe ich da bloss angerichtet?› Denn das Kreuz ist für ihn keine gute Erinnerung.» Ein gedanklicher Spaziergang.
Das Vermarkten seines eigenen Leidens löst vermutlich Entsetzen bei Jesus aus, schätzt Max Küchler, dessen in Studentenkreisen scherzhaft «der dicke Küchler» genanntes «Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt» längst als das Standardwerk zu Jerusalem gilt. Die Szene, wie Küchler sie kürzlich vor der Grabeskirche erlebt hat, wäre Jesus ein Gräuel: Menschen, die sich – die Sonnenbrille auf der Nase – mit einem grossen Holzkreuz auf den Schultern niederwerfen und mit zum Victory-Zeichen gespreizten Fingern aufs Bild bannen lassen. «Das geht ihm schon nahe, das mit dem Kreuz», sagt Küchler, ganz so, als wäre Jesus tatsächlich Augenzeuge der allgegenwärtigen Absurditäten rund ums Kreuz.
Mühe mit Abschrankungen
Mit noch etwas hätte der Jesus von heute in Jerusalem «furchtbare Mühe»: «Ich stelle mir vor, dass er sich schrecklich an den immer stärker werdenden Schranken stören würde», sagt Küchler, «an den immer enger werdenden Schranken von Archäologen oder religiösen Gruppierungen.» Er hätte Mühe mit Orten wie dem «altehrwürdigen Davidsgrab, das heute bis in den hintersten Winkel nach Männern und Frauen unterteilt ist, zwei bis drei Quadratmeter für die Frauen und zehn für die Männer.» Sein Einsatz für die Herrschaft Gottes ging ja gegen die Herrschaft von Menschen über Menschen an und sei deshalb gegen jede Barriere gewesen, die Menschen trennt.
Deshalb hätte Jesus als «intelligenter Mann» Freude an einer Kreuzfahrerkathedrale zu Ehren seiner Auferstehung, aber er wäre entsetzt, wenn er heute in die Grabeskirche käme: «Wenn er sieht, was die Menschen dort an Abschrankungen geschaffen haben – kleine Kabäuschen, in denen sie übernachten, um das Terrain zu beschützen. Dann der Status quo, in dem seine Verehrer jeden Zentimeter und jede Minute für seine Verehrung bestimmt haben, und dann das Gefängnis über seinem Grab, das würde ihm wahrscheinlich sogar die Auferstehung zum Verleiden bringen.»
Im Vergleich zu «unseren verschachtelten Heiligtümern» hätte er sicher deutlich mehr Freude am Felsendom, an dessen «einfachem Lob der Grösse Gottes, prachtvoll, aber nicht eng.»
Freude am Leben der Menschen
Am Leben der Menschen, ist Küchler sich sicher, «hat Jesus seine Freude: Wenn er durch Jerusalem geht, an spielenden Kindern auf den Plätzen und daran, wie die normalen Leute ihren kleinen Lebensraum so gestalten, dass man sich dort wohl fühlen kann.» Käme Jesus heute nach Jerusalem, würde er bei Freunden wohnen, «ausserhalb des Bereichs des Tempels und der Geistlichkeiten», mit der er sich damals schon «verfeindet» hat.
Wenn Jesus heute käme, ginge er mit der Zeit: Vielleicht käme er statt mit dem Esel heute mit dem Velo den Ölberg runter. Oder er nähme den Bus, «weil man da mit den Menschen zusammen ist. Oder vielleicht nimmt er jetzt auch die neue Strassenbahn.»
Auch interessieren Jesus die Steine nicht sehr. Bei dem, was er seinen Jüngern beim Auszug aus dem Tempel predigte – kein Stein wird auf dem anderen bleiben – ist Jesus dann doch erstaunt zu sehen, wie viele Steine der herodianischen Mauer noch aufeinander sind,vermutet Max Küchler.
Die Überlebenschancen für Jesus wären nach Küchlers Einschätzung heute deutlich grösser: «Damals kam er in eine etablierte Gesellschaft und hatte keine Chance, weil er als Figur wahrgenommen wurde, die durch sein Infragestellen als gefährlich galt. Heute hat es so viele Irre, Esoteriker und Erleuchtete hier, die wissen, wie man Gott richtig verehrt, dass er weniger auffallen würde.» Jesus kann also mit mehr Toleranz rechnen, «wenn er nicht mit selbstgeflochtenen Geisselungsstricken gewaltsam gegen die Händler auf der Via Dolorosa vorgeht.»
Seiner Tätigkeit hingegen würde heute vermutlich ähnlich schnell ein Ende bereitet: Früher oder später würde er mit dem Jerusalemsyndrom in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, meint Max Küchler. Als unheilbar messianisch krank hätte er auch kaum eine Chance, je wieder entlassen zu werden.
Andrea Krogmann / Kipa
In einer Serie stellte die Presseagentur Kipa unterschiedlichen Persönlichkeiten die Frage «Was wäre, wenn …» Zusammen mit den Antworten sollten sie Anlass sein, Gegebenes einmal von einer ungewohnten Seite her zu betrachten und damit auf lustvolle Art zum Nachdenken anzuregen.
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