Ausgabe 4, 21. bis 27. Januar 2012

Dr. Dr. Guido Braun, Dr. Maria-Elisabeth Brunert und Prof. Dr. Maximilian Lanzinner (von links) mit den 45 Bänden der «Acta Pacis Westphalicae» in ihrer Arbeitsstelle in Bonn. (Foto: Johannes Seiler/Uni Bonn ) Dr. Dr. Guido Braun, Dr. Maria-Elisabeth Brunert und Prof. Dr. Maximilian Lanzinner (von links) mit den 45 Bänden der «Acta Pacis Westphalicae» in ihrer Arbeitsstelle in Bonn. (Foto: Johannes Seiler/Uni Bonn )

Ein Lehrstück für künftige Friedensverhandlungen

Wie mit dem «Westfälischen Frieden» der Dreissigjährige Krieg ein Ende fand

Der 1648 in Münster und Osnabrück geschlossene Westfälische Friede könnte auch in aktuellen Konflikten als Beispiel dienen. Die diplomatische Beendigung des Dreissigjährigen Krieges, die zu einer gleichberechtigten Anerkennung von Lutheranern, Calvinisten und Katholiken führte, wurde in Bonn in den letzten Jahrzehnten aufgearbeitet.

Der Dreissigjährige Krieg hatte im damaligen Deutschen Reich verheerende Folgen für die Bevölkerung. Zu den direkten Wirkungen der verschiedenen Kriege und Schlachten kamen Seuchen und Hungersnöte. Der fünfjährige Westfälische Friedenskongress brachte dann endlich ein Ende der Konflikte um die Vorherrschaft in Europa und um die Religion. Der Friedensvertrag beendete unter ande-rem den achtzigjährigen Unabhängigkeitskrieg der Niederlande und er besiegelte, dank der Initiative des Basler Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein, die Unabhängigkeit der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Er brachte aber auch die gleichberechtigte Anerkennung von Lutheranern, Calvinisten und Katholiken. 

Wie die für diesen Frieden nötigen Kompromisse im fünfjährigen Friedenskongress gefunden werden konnten, ist in Bonn seit 1957 intensiv erforscht worden. Die Historiker sammelten in ganz Europa alle auffindbaren Dokumente und trugen sie bis Ende 2011 in einem 45 Bände umfassenden Quellenwerk zusammen. Die 41 am Forschungsprojekt beteiligten Historiker trugen auf ihren Archivreisen Material aus insgesamt 157 Bibliotheken und Archiven in ganz Europa zusammen und prüften die Dokumente. 1962 erschien der erste Band der «Acta Pacis Westphalicae», einer kritischen Edition zu den Akten des Westfälischen Friedenskongresses. Inzwischen liegen 45 Bände mit fast 32 000 Seiten vor. 

Vor dem Friedensschluss tagten Hunderte Gesandte der Kriegsparteien fünf Jahre lang in Münster und Osnabrück. «Einen solchen Kongress hatte es in der Neuzeit zuvor nicht gegeben», meint Guido Braun vom Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn in einem Beitrag auf der Website der Universität. «Der Westfälische Kongress ist ein Lehrstück für Friedensverhandlungen.»

Berittene Boten monatelang unterwegs
Die Dokumente geben Einblicke, warum sich die Friedensverhandlungen über fünf Jahren hinzogen. «Für die damaligen Verhältnisse war das nicht so ungewöhnlich», stellt Braun fest, der im Rahmen seiner Promotion selbst zwei Bände der Editionsausgabe bearbeitete. «Es mussten erst Verfahrensformen und diplomatische Instrumente für die Konferenzen erarbeitet werden.» Ein weiterer Grund waren die damaligen Kommunikationsmittel. Die Gesandten standen mittels berittener Boten mit ihren Herrschern in Kontakt. «Ein Brief zum spanischen König hin und zurück brauchte inklusive Beratungen etwa zwei bis drei Monate», berichtet der Historiker. 

Ausserdem klagten die Gesandten über schlechte Unterkünfte und widrige Umstände in den auf einen solchen Verhandlungsmarathon zunächst nicht vorbereiteten Städten. Münster hatte damals nur etwa 10 500 Einwohner, Osnabrück deutlich weniger. Im evangelischen Osnabrück verhandelten die Abgesandten der protestantischen Reichsstände, die Kaiserlichen und die Schweden, deren junge, friedliebende Königin Christine durch ihr persönliches Eingreifen die Verhandlungen beschleunigte. Im katholischen Münster tagten der Kaiser, die katholischen Reichsstände, Frankreich, Spanien und die Niederlande, ebenso Abgesandte der Schweiz. Hier bediente man sich zur Erleichterung der Verhandlungen der Vermittlung des päpstlichen Nuntius Fabius Chigis (später Papst Alexander VII.) und des Venezianers Alvise Contarini.

Durch die Erschliessung der Dokumente zum Westfälischen Frieden hat sich das Bild der Historiker vom Kongress gewandelt. «Im Gegensatz zu früheren Meinungen zeigte sich, dass die Delegierten trotz der Länge des Kongresses sehr rasch und zielgerichtet verhandelten», berichtet Professor Maximilian Lanzinner vom Bonner Institut für Geschichtswissenschaft. Auch die Mär von der Ohnmacht des Reiches bestätigte sich nach Durchsicht der Akten nicht – gleichberechtigte Partner verhandelten auf Augenhöhe. «Das jahrelange Ringen um Frieden lohnte sich: Das Ergebnis des Kongresses sorgte immerhin rund 150 Jahre für stabile politische Verhältnisse in Europa», sagt der Historiker. Der Westfälische Friedenskongress sei auch ein guter Ansatz, um aus der Geschichte für die Gegenwart zu lernen. «Allerdings lassen sich die Verhältnisse aus dem 17. Jahrhundert nicht so einfach auf moderne Kriege übertragen.» 

Und der Mitherausgeber des Quellenwerks Guido Braun meinte in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kipa dazu: «Die mehrkonfessionelle Grundordnung kann durchaus Orientierung bieten für heutige Auseinandersetzungen zwischen Islam und Christentum. Oder nehmen Sie die Regel von den gleichberechtigten Staaten: Konflikte sind leichter zu lösen, wenn es keine klaren Sieger und Besiegten gibt, sondern wenn beide Vertragspartner Kompromisse einräumen. Der Kern des Westfälischen Friedens ist wohl, dass es auch in ganz verworrenen, komplexen Situationen noch Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts gibt. Wie etwa zwischen Israel und Palästina. Gäbe es da eine gleichberechtigte Staatenlösung, käme es vielleicht eher zu einer Friedensordnung.»

Alois Schuler

 

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