Für manche Christen ist Atomkraft des Teufels, andere können mit der gefährlichen Energiequelle gut leben – oder konnten es zumindest bis am 11. März 2011. Die Katastrophe in Japan hat nun die Frage nach der Tragbarkeit des Restrisikos ins Zentrum gerückt.
Der 11. März 2011 könnte ein Datum sein, das sich wie der 26. April 1986 (Tschernobyl), der 1. November 1986 (Schweizerhalle) und der 11. September 2001 (Terroranschläge in den USA) ins Gedächtnis einbrennt: An diesem Tag sorgten ein Erdbeben der Stärke 9,0 und ein durch den heftigen Erdstoss ausgelöster Tsunami in Japan für Tod und Zerstörung, im Atomkraftwerk Fukushima I gerieten mehrere Reaktoren ausser Kontrolle. Die nukleare Katastrophe hat Folgen für die Schweizer Energiepolitik: Bundesrätin Doris Leuthard hat die Sistierung der laufenden Gesuche für neue Atomkraftwerke in der Schweiz und eine Sicherheitsüberprüfung aller Anlagen angeordnet.
«Lebensbedrohende Realität»
Bei der Diskussion über neue Atomkraftwerke in der Schweiz ging es bisher vor allem um die Versorgungssicherheit, Fukushima hat das Risiko für schwere Unfälle in den Vordergrund gerückt. Wie sicher sind Schweizer Kernkraftwerke und was sind die Konsequenzen des Risikos? Die Meinungen dazu gehen auseinander, auch bei zwei Gruppierungen mit christlicher Basis. Der reformierte Pfarrer und Biologe Otto Schäfer, Vorstandsmitglied des ökumenischen Vereins Oeku («Oeku Kirche und Umwelt»; www.oeku.ch) hält das Risiko für einen massiven Unfall in der Schweiz für «sehr gering, aber nicht ausgeschlossen». Dies hat er vor dem schweren atomaren Unfall in Japan gegenüber der Nachrichtenagentur kipa erklärt. Schäfer plädiert dafür, aus der Atomenergie auszusteigen, und setzt auf eine Reduktion des Energieverbrauchs durch Sparen und Effizienz und auf erneuerbare Energien.
Zu den tragischen Ereignissen in Japan hält Kurt Zaugg, Leiter der Arbeitsstelle von oeku, fest: «Die Erfahrung von über vierzig Jahren mit dem Betrieb von Kernanlagen in Japan und der Schweiz schien deren Sicherheit zu beweisen – verdrängt wurde beispielsweise die Erfahrung einer teilweisen Kernschmelze im Versuchsreaktor von Lucens im Kanton Waadt im Jahr 1969. Fukushima erinnert uns daran, dass das atomare Restrisiko eine lebensbedrohende Realität ist. Wir Menschen sind nicht in der Lage, für die dort notwendige absolute Sicherheit zu sorgen. Überdenken müssen wir darum unsere Ansprüche an die Energieversorgung.»
Schweizer AKW «sehr sicher»
Auch Stefan Burkhard, reformierter Pfarrer in Wettingen (AG) und Präsident von Ace (Arbeitsgruppe Christen und Energie; www.christenergie.ch) war einst ein Gegner der Kernkraft. Zum Befürworter sei er geworden, als er begriffen habe, dass man diesen Teufel nur mit dem Belzebub austreiben könne, sagte er zur Kipa. Burkhard zweifelt daran, dass erneuerbare Energien das Potenzial haben, um die bei einem Atomausstieg entstehende Versorgungslücke zu schliessen. Ace stützt sich auf ein Szenario des Bundesamtes für Energie ab, das selbst unter dem Sparregime der 2000-Watt-Gesellschaft von einem nur geringen Rückgang des Stromverbrauchs ausgeht. Zudem sei der Ressourcenverbrauch der neuen erneuerbaren Energien im Vergleich mit der Kernenergie zu hoch.
Auch Burkhard ist sich bewusst, dass es bei der Atomenergie ein Restrisiko gibt. Niemand könne absolute Sicherheit garantieren, sagte er zur Kipa. «Nach meiner Einschätzung sind die Kernkraftwerke in der Schweiz aber sehr sicher», hält er gegenüber «Kirche heute» nach dem 11. März fest. Zur Frage, welche Konsequenzen aus Fukushima gezogen werden müssten, sagt er: «Die Bewältigung der Lage in Japan steht für mich und für uns im Moment im Vordergrund. Zu allem Weiteren werden wir uns zu einem späteren Zeitpunkt äussern.»
Regula Vogt-Kohler
Aufruf zu Gebet und Mahnwachen
Die Schweizer Bischöfe rufen die Gläubigen dazu auf, mit Gebet und Spenden Anteilnahme und Solidarität mit den Opfern der Katastrophe in Japan zu zeigen. Caritas Schweiz hat im Internet ein Kondolenzbuch aufgeschaltet (www.caritas.ch/japan) und einen Solidaritätsfonds für die Opfer der Katastrophe in Japan eingerichtet (Caritas Schweiz, Postkonto 60-7000-4, Vermerk «Japan»).
Auch die Arbeitsgruppe Christen und Energie zeigt sich betroffen. «Unsere Gedanken sind unentwegt bei den vielen Opfern des schweren Erdbebens und des Tsunamis, die nun durch den schweren nuklearen Unfall von Fukushima nochmals drastisch verschärft wird», heisst es auf der Homepage.
Auf der Pfalz hinter dem Münster haben in Basel auch während der Fasnacht Mahnwachen stattgefunden. Dazu aufgerufen hat die Allianz «Nein zu neuen Atomkraftwerken», ein Zusammenschluss aller Organisationen, die neue Atomkraftwerke ablehnen. Es gehe darum, Erschütterung zu äussern, sagte Aernschd Born, Geschäftsführer des Vereins «Nie wieder Atomkraftwerke» (NWA; www.niewiederakw.ch), am Fasnachtsdienstag. Fasnacht habe beide Seiten, das Lustige, aber auch den Totentanz, die Aktion sei deshalb kein Gegensatz zur Fasnacht, betonte Born. Das Publikum habe mit Verständnis reagiert, viele blieben stehen und hielten kurz inne, Cliquen drückten ihre Anteilnahme auch musikalisch aus.
Im Basler Münster hat am Sonntag ein Fürbitten-Gottesdienst für Japan und Nordafrika stattgefunden.
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