Ausgabe 47, 18. bis 24. November 2017

Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz. (Foto: zVg) Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz. (Foto: zVg)

Kirchen sollen mit digitaler Revolution mithalten

Kirche in digitalen Zeiten: RKZ-Generalsekretär Daniel Kosch im Gespräch mit kath.ch

Die Digitalisierung ist weit mehr als ein Medien- und Kommunikationsthema. Sie beeinflusst vieles andere in Gesellschaft und Kirche. Dies sagt Daniel Kosch. Der Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) blickt im Interview mit kath.ch auf den «Fokus» zurück, welche die RKZ vor Kurzem zum Thema «Kirche(n) und Medien in digitalen Zeiten» organisierte.

Wo gibt es die grössten Defizite in der Kommunikation der Kirche Schweiz?
Daniel Kosch: Die Tagung hatte primär zum Ziel, sich mit den Herausforderungen zu befassen, mit denen die Digitalisierung die Medienwelt und die Kirchen konfrontiert. Die Analyse der Stärken und Schwächen der kirchlichen Kommunikation war nicht Thema. Unüberhörbar aber war die zwingende Notwendigkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit der digitalen Revolution und ihren Folgen.

Ist die Kirche bereit, die Möglichkeiten von Smart­phone, Apps und Social Media zu nutzen?
Vieles geschieht bereits. Vom Papst über Vertreter der Kirchenleitung hin zu Mediendiensten, kirchlichen Organisationen, Seelsorgenden und engagierten Laien werden die neuen Kommunikationsmittel eingesetzt und erprobt. Diese Entwicklung wird weitergehen. Aber die Digitalisierung führt nicht nur zu einer Erweiterung der Kommunika­tionskanäle und -formen, sondern verändert auch die bestehenden: die gedruckte Presse, den medialen Service Public, Radio und TV sowie die zwischenmenschliche oder institutionelle Kommunikation.

Haben kirchliche Organisationen die Fachkenntnisse und den Willen zum Dialog, um sich in diesen neuen Medienwelten zu bewegen?
In der Frage, ob die neue Medienwelt primär als Chance oder als kritisch zu beobachtende Entwicklung beurteilt wird, gehen die Meinungen auseinander. Der RKZ-Fokus machte deutlich, dass es sich nicht um ein Entweder-oder handelt, sondern um ein Sowohl-als auch. Sehr deutlich wurde zudem, dass die Kirchen ob der Diskussion um die Mittel der Kommunikation fundamentale inhaltliche Fragen nicht aus den Augen verlieren: ihren Beitrag zu den Wertegrundlagen der Gesellschaft, den Einsatz für das Gemeinwohl, die Verwurzelung des eigenen Tuns und der eigenen Positionen in den Glaubensüberzeugungen.

Haben wirklich alle Leute Zeit genug, um sich mit Social Media zu beschäftigen, oder möchten sie doch lieber ein kirchliches «20 Minuten» oder Direktkontakt zu Kirchenleuten?
Der RKZ-Fokus war keineswegs als «Werbever­anstaltung für Social Media» gedacht – der Diskurs, die herkömmlichen Kommunikationsmittel, auch der mediale Service public bleiben wichtig – müssen sich jedoch der Herausforderung durch die technische Entwicklung und veränderte Kommunikations- und Nutzungsgewohnheiten stellen.

Was raten Sie Verbänden, Pfarreien, Kirchgemeinden und weiteren Organisationen in der Kirche Schweiz, wenn sie mit ihren Anliegen an die Öffentlichkeit treten möchten?
Für eine erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation sind Inhalte, klare Überzeugungen und glaubwürdiges Engagement unverzichtbar. Zur Art und Weise der Kommunikation und des Umgangs mit den heutigen Möglichkeiten sagte Schwester Irene Gassmann, Priorin des Klosters Fahr, am «Fokus»: «Haben Sie keine Angst.» Und Valentin Beck, Bundespräses von Jungwacht Blauring ergänzte: «Probieren Sie Dinge aus, wagen Sie etwas.» Dem ist nichts beizufügen, ausser dass Sachkenntnis und Professionalität für institutionelle Kommunikation wichtige Voraussetzungen sind.

Ändert die Tagung die Prioritätensetzung der RKZ in der Kommunikation?
Uns ging es bei diesem Anlass nicht um uns selbst und unsere Prioritäten. Ich nehme für die Weiterarbeit jedoch den Eindruck mit, dass Digitalisierung weit mehr als ein Medien- und Kommunikationsthema ist. Sie beeinflusst vieles andere in der Gesellschaft und in der Kirche: Arbeit, Bildung, Jugendpastoral, Gesundheitswesen, Verwaltung und mehr. Sogar die kirchliche Dogmatik beginnt, sich mit dem Thema zu befassen. Eine neue Publikation steht unter dem Titel «Zu schnell für Gott?» und fragt nach den Auswirkungen der Beschleunigung auf das Gottesverständnis, die religiöse Praxis und die Pastoral.

«Digital» statt «print»: Ist dies der Weisheit letzter Schluss in der Kirchenkommunikation?
Ich halte das für eine realitätsfremde Alternative. Dieses Interview wird digital mit dem Computer erfasst und elektronisch verbreitet. Aber es hat auch die Chance, teilweise abgedruckt zu werden. Das entsprechende Druckerzeugnis – etwa ein Pfarrblatt – werden viele als «print» lesen, aber zunehmend wird es auch auf dem Tablet oder Smartphone «digital» abgerufen. Vielleicht löst es da oder dort ein ganz traditionelles, analoges Gespräch aus, das jemand veranlasst, das Interview auf Facebook nachzulesen oder mit Twitter zu verbreiten. Die digitale Welt ist mit der analogen verknüpft – und wir alle müssen individuell ausloten, wofür wir Bücher und Printprodukte bevorzugen und was wir lieber mit dem Smartphone oder am Computer lesen.

Interview: Georges Scherrer, Charles Martig; kath.ch (gekürzte Fassung)

 

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