Ausgabe 36, 2. bis 8. September 2017

Viele Esel tragen von Natur aus ein Kreuzzeichen auf dem Rücken. (Foto: Axel Heuting/pixelio.de)Viele Esel tragen von Natur aus ein Kreuzzeichen auf dem Rücken. (Foto: Axel Heuting/pixelio.de)
 Pferde trugen viele Heilige und Mönche auf ihren Missionen. (Foto: Archiv Kh) Pferde trugen viele Heilige und Mönche auf ihren Missionen. (Foto: Archiv Kh)

Esel gegen Pferd: Wer gewinnt das biblische Rennen?

Serie «Tierisch heilig»: Vierbeiner als Begleiter Jesu und Helfer bei der Verbreitung seiner Botschaft

Als tierische Begleiter von Jesus Christus kommen einem spontan Ochs und Esel in den Sinn. Die Autorin lässt in diesem Beitrag den Esel und seinen nächsten Verwandten, das Pferd, zu einem «biblischen Turnier» antreten.

Jede Turnierprüfung im Pferdesport unterliegt klaren Regeln. Der erste Aufgabenteil für Esel und Pferd bei diesem Beitrag zur Serie «tierisch heilig» lautet darum: Wer war näher bei Jesus Christus? Die vier Evangelien halten sich zuerst bedeckt. Lukas, der die Geburt Jesu beschreibt, unterschlägt den Esel. Erst im «Pseudo-Matthäus-Evangelium», einer Schrift aus dem 6. Jahrhundert, die die Kindheit Christi kräftig ausschmückt, bekommt Meister Langohr seinen grossen Auftritt. Seither ist die Weihnachtsgeschichte ohne Esel undenkbar.

Der Esel brachte die schwangere Maria nach Betlehem, die Heilige Familie auf der Flucht vor König Herodes nach Ägypten und ziemlich sicher wieder zurück nach Nazaret. Das Tier der Familie Jesu überwand laut diesen Erzählungen Aberhunderte Kilometer.

Im Dienst des Menschensohns
Die wilden Vorfahren des heutigen Hausesels stammen aus der Halbwüste. Sie sind perfekt auf die klimatischen Bedingungen des Nahen Ostens angepasst. Die Welt von Jesus und seinen Jüngern war bevölkert von Eseln. Sie gehörten einfach dazu, ganz sicher auch zur Heiligen Familie. Schon damals waren die Tiere das «Taxi des kleinen Mannes».

Nach einer Legende soll sich die Eselin, die Jesus beim Einzug in Jerusalem getragen hatte, beschwert haben, dass die Menschen ihre Art als dumm bezeichnen. Jesus antwortete: «Die Menschen sind dumm, weil sie nicht sehen, dass du bereits das Kreuz auf deinem Rücken trägst.» Der gekreuzte Aalstrich (dunkler schmaler Streifen auf Rückgrat und Schulter), mit dem die meisten Esel gezeichnet sind, ist ein Erbe der wilden Vorfahren. Er ist auch bei vielen Pferden mit grauem oder sandfarbenen Fell und dunklerem Langhaar zu sehen.

Der erste Turnierteil ist vorbei. Urteil der hier schreibenden Richterin: Der Esel ist der Star der Lebensgeschichte Jesu, dem Pferd wird da bestenfalls eine Statistenrolle zugewiesen. Die christlich-abendländische Tradition hat den «Weihnachtsesel» längst integriert, auch wenn ihn die Evangelisten nicht erwähnen. Mit Jesu Einzug in Jerusalem hat der zähe, genügsame Esel das Rennen im ersten Turnierteil gewonnen. Er kam Jesus am nächsten.

Theologische Kraft und Verkündigung
Der zweite Turnierteil sieht folgende Aufgabe vor: Esel und Pferd sind beides Transporttiere. Wer hat die Nase vorn bei beim Transportieren, also Verkündigen von Gottes Wort? Am Schluss des Neuen Testaments hat das Pferd seinen grossen Auftritt in den Offenbarungen des Johannes. Dem Seher auf der Insel Patmos eröffnete das Lamm das Tor, und auf den Ruf «komm» erschienen ein weisses, ein rotes, ein schwarzes und ein fahles Pferd.

Pferdefarben haben eine tiefe Symbolkraft. Weiss ist der Sieger, hier also Christus. Rot ist der Streiter. Rote Pferde (Füchse) galten bei vielen Kulturen als besonders mutig. Auf dem schwarzen Pferd reitet der Richter. Schwarz ist keine Farbe. Das Gericht zeigt keine Tönung. Das fahle Pferd, eigentlich ein Falbe – also ein Pferd mit grauem oder sandfarbenen Fell und dunklerem Langhaar – bringt den Tod. Noch heute werden in Island die Falben als «Wiedergänger» aus der Totenwelt bezeichnet. Das Pferd betritt die Szenerie also durch die theologische Hintertür.

Begleiter der Heiligen und Mönche
Das christliche Abendland hätte ohne Pferd keinen Ritterstand erschaffen können. Der französische Dominikanermönch Wilhelm Peraldus bezeichnete um 1255 jeden Teil des «Miles Christianus», des christlichen Ritters, mit einem Attribut. Das Schwert mit «verbum dei – Gottes Wort» und das Pferd mit «bona voluntas – der gute Wille». Der gute Wille des Pferdes ist sprichwörtlich, es ordnet sich – anders als der Esel – dem Menschen ganz unter.

Den Heiligen war das Pferd ein treuer Begleiter und Vermittler ihrer Mission. Der heilige Georg hätte ohne Streitross den bösen Drachen nicht besiegen können. In der Geschichte vom heiligen Martin und dem Bettler erscheint der Heilige stets beritten. Die Benediktiner vom Kloster Einsiedeln haben eine besondere Beziehung zum Pferd. Seit über 1000 Jahren züchten sie eine eigene Rasse, die liebevoll «Cavalli della Madonna» genannt wird. Bestimmt haben diese Pferde mitgeholfen, die «Frohe Botschaft» des Evangeliums in die Schweiz hinauszutragen.

Im zweiten Turnierteil «Theologie und Verkündigung» hat sich das Pferd gegen den Esel durchgesetzt. Sein guter Wille, seine Ausstrahlung und Schnelligkeit transportierte das Wort Gottes in theologischen Bildern, Legenden – und ganz real über die Kontinente. Die Turnierrichterin bei «tierisch heilig» gibt daher Gleichstand. Zwei erste Preise für Esel und Pferd.

Barbara Camenzind, kath.ch

 

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