Ausgabe 37, 9. bis 15. September 2017

Umkehren

Regula Vogt-Kohler

Die Tour war ambitiös, aber machbar, davon waren wir überzeugt. Wir hatten die Karte studiert und den Fahrplan der Bergbahnen, die uns einen Teil des Auf- und Abstiegs abnehmen sollten, verinnerlicht. Wir hatten uns nach den aktuellen Verhältnissen oben auf dem Pass erkundigt und eine ermunternde Auskunft erhalten. Wir waren fit und bereit, unsere Ausrüstung, Schuhe, Kleider, Proviant, entsprach den Anforderungen, die wir erwarteten.

Wir starteten, zuversichtlich, obwohl uns klar war, dass unser Zeitfenster eher knapp war. Wegen Nebels waren die imposanten Berge auf der gegenüberliegenden Talseite nicht in voller Pracht zu sehen, doch das störte uns nicht. Verhangener Himmel bedeutete auch sehr angenehme Temperaturen. Der erste Abschnitt war relativ einfach. Wir gaben Gas und beschränkten die Pausen auf ein Minimum. Das rächte sich beim ersten anspruchsvollen Anstieg. Hungerast! Die Suppe in der Hütte verlieh uns neue Kräfte, und die Informationen bestärkten uns in unserem Vorhaben. Ja, es gebe einen Weg, der direkt dem Hang entlang in Richtung unser eigentliches Ziel führe. Das würde uns etliche Höhenmeter und damit auch Zeit ersparen.

Erst nach der schwierigen Überquerung zweier Bäche kamen uns Zweifel. Jeder weitere Bach ohne sicheren Steg würde unser Zeitbudget über Gebühr belasten. Als wir über die vermeintliche Abkürzung endlich den Hauptanstieg zum Pass erreichten, war alles klar. Wir waren nun so spät dran, dass wir keine Chance hatten, rechtzeitig für die letzte Talfahrt bei der Bergbahn anzukommen.

Wir kehrten um, wiederum durchaus davon überzeugt, das Richtige zu tun, aber dennoch frustriert. Hätten wir doch nur auf die Zusatzschlaufe zur Hütte verzichtet – aber dann hätten wir diese Edelweisswiesen nicht gesehen und es hätte auch keine warme Suppe gegeben. Und die Bachtraversen waren nicht einfach nur Zeitverschwendung gewesen, sondern hatten auch Spass gemacht. Erst viele Jahre später konnten wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass wir selbst auf direktestem Weg gescheitert wären und der ganze Plan zu ehrgeizig gewesen war.

Zum Umkehren gehört auch die Einsicht. Die Einsicht, das falsche Ziel, den falschen Weg gewählt zu haben, nicht auf warnende Stimmen gehört, Gefahren und auch sich selbst falsch eingeschätzt zu haben. Diese ergibt sich nicht automatisch aus den äusseren Umständen, die uns zum Umkehren bewogen haben.

Regula Vogt-Kohler, Redaktorin

 

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