Ausgabe 24, 9. bis 15. Juni 2012

Zur Arbeit berufen

Regula Vogt-Kohler, Redaktorin

Viele Erwerbstätige sehnen sich insgeheim oder offen nach dem Zeitpunkt der Pensionierung. Denn wer gegen Lohn oder Honorar Aufträge zu erfüllen hat, ist auch Zwängen ausgesetzt. Wenn genug Geld vorhanden wäre, müsste man nicht arbeiten, denkt sich mancher. Und die Glückspielwerbung setzt diesen Gedanken in Bilder um. 

Wer allerdings unfreiwillig ohne Arbeit ist – und das sind manchmal auch Rentner – sieht die Sache oft anders. Natürlich steht in der Regel erst einmal die Geldknappheit im Vordergrund. Doch bei vielen kommt schnell auch das Gefühl auf, nicht mehr gebraucht zu werden. Nicht nur jene, die ausschliesslich für die Arbeit gelebt haben, sind davon betroffen, sondern in besonderem Mass jene, die gar nicht erst einen Platz im Erwerbsleben finden. Weltweit sind nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation 75 Millionen junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren ohne Arbeit, etwa jeder achte. In Spanien ist es gar fast jeder zweite. Und wenn auch die Zahl junger Arbeitsloser in der Schweiz mit drei Prozent deutlich tiefer liegt, bedeutet das, dass aus einem Schulhaus mit drei Parallelklassen zwei Schüler nicht in den Arbeitsmarkt finden. Niemand wartet auf sie, niemand braucht sie. 

Die Arbeit bringt jedem Sorgen, die er ohne sie nie hätte. Auf der andern Seite garantiert sie nicht nur das tägliche Brot, sondern sie ist der Ort, an dem die meisten den grössten Beitrag zum Nutzen der Gesellschaft und zur Gestaltung der Welt beitragen. Die katholische Soziallehre hat deshalb seit jeher ein Recht auf Arbeit postuliert. Jeder soll nach Massgabe seiner Fähigkeiten arbeiten können und für seine Arbeit einen Lohn erhalten, der ihm und seiner Familie ein Fortkommen ermöglicht. 

In der Arbeit können Menschen sich – wenigstens teilweise – verwirklichen. Sie können aber auch ausgenutzt werden, mit Löhnen, die nicht zum Leben reichen. Oder als unbezahlte Arbeitskräfte auf als Praktika bezeichneten Stellen. Weit schlimmer noch ist es, wenn Kinder – rund 200 Millionen sind es weltweit nach Angaben von Unicef – zur Arbeit gezwungen werden, meist weil die Eltern mit ihrem Lohn die Familie nicht ernähren können. Es gehört zum Menschsein, es ist seine Berufung, seine Fähigkeiten erst entdecken und schulen zu können, um sie dann aber einzusetzen und dadurch seinen Lebensunterhalt zu sichern.

Alois Schuler, Chefredaktor

 

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