Ausgabe 30-32, 23. Juli bis 12. August 2011

Orientierung

Alois Schuler, Chefredaktor

Seit 1987 der Europarat dazu aufgerufen hat, die Jakobswege neu zu beleben, sind grosse Stücke des mittelalterlichen Wegnetzes neu belebt, aber auch neue Wege «erfunden» worden. Das geht recht einfach, denn der Jakobsweg beginnt vor der Haustüre jedes Pilgers und endet in Santiago de Compostela. Entscheidend ist allerdings nicht das Etikett, nicht der Name oder die Beschilderung des Weges. Es ist der Einzelne, der aus einem Wanderweg oder einer Strasse einen Weg der Läuterung macht. 

Ob Eselsweg oder Hexenstieg, ob Via Alpina oder Jurahöhenweg, auf jedem Fernwanderweg kann man Erfahrungen mit sich selbst und seinen Grenzen machen. Doch ein Pilger pflegt nicht nur die Blasen an den Füssen, er kümmert sich um sein Leben mit all seinen Beziehungen. Er schaut nicht nur an jeder Kreuzung nach der Fortsetzung des Weges, sondern sucht die Orientierung für sein Leben. 

Wer Tage oder Wochen zu Fuss unterwegs ist, weiss, dass er auf andere angewiesen ist oder es unvermittelt sein könnte. Jedes Gehen wird spätestens mit einem steilen Anstieg zum Schweigen. Trotzdem gehören zum Pilgern immer auch die andern. Mögen sie auch noch so stinken, dass am Ziel der Wallfahrt, in Santiago de Compostela, das grosse Weihrauchfass geschwungen werden muss. Wer als Pilger unterwegs ist, gehört zur Gemeinschaft der Gottsucher. 

Es gibt nur einen kleinen Unterschied, ob das Ziel des Weges das Grab eines Apostels ist, ein Marienheiligtum oder ein Berggipfel: In Santiago de Compostela, in Rom oder in Einsiedeln kommen die Pilger am Schluss zum Gebet zusammen. Sie geben sich gegenseitig vielleicht mehr Anstoss und Halt. Ob sie Gott und sich selber näher gekommen sind als ein Einzelner im Wald oder auf einer Anhöhe, spielt keine Rolle. Entscheidend ist nur, ob einer, der lange einer Wegbeschreibung folgte, bis am Schluss Orientierung für sein Leben findet. 

Alois Schuler, Chefredaktor

 

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