Ausgabe 16-17, 15. bis 28. April 2017

Zartes Grün, weisse Blüten vor dem Hintergrund der aufgehenden Sonne: Ostern ist auch ein Jahreszeitenfest. (Foto: Regula Vogt-Kohler)Zartes Grün, weisse Blüten vor dem Hintergrund der aufgehenden Sonne: Ostern ist auch ein Jahreszeitenfest. (Foto: Regula Vogt-Kohler)

Der Tod hat nicht das letzte Wort

Frühlingsspaziergang mit Johannes Schleicher, Verantwortlicher für Spiritualität bei katholisch bl.bs

An Ostern feiern die Christen die Auferstehung Jesu von den Toten. Das Osterfest ist der höchste Feiertag der katholischen Kirche, Ostern hat aber auch viel mit alltäglicher Spiritualität zu tun. Der fehlende Bezug zum Alltag sei ein Grund, warum so viele Feste nicht mehr gefeiert werden, sagt der Theologe Johannes Schleicher.

«Ostern ist nicht umsonst nicht im Herbst.» Johannes Schleicher, mit dem ich mich zu einem Frühlingsspaziergang treffe, sagt diesen Satz, bevor ich ihn fragen kann, ob er sich Ostern auch in einer anderen Jahreszeit vorstellen könne. Es ist grau und kühl an diesem Vormittag, aber dennoch ist die Kraft des Frühlings zu spüren. Die Bise streicht über Halme, Blüten und Blätter in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung. Manche sind noch mehr Knospe als Blatt, andere rufen den Spaziergängern schon zu: «Ich bin eine Rosskastanie!»

Es ist fast unmöglich, sich dem Sog des Frühlings, der wieder erwachenden Natur, des sich entfaltenden Grüns zu entziehen. Da setzen bereits blühende Sumpfdotterblumen fette gelbe Punkte, dort nicken noch geschlossene Osterglocken im Wind. «Da geht mir das Herz auf», sagt Schleicher. Frühling und Ostern, das gehört zusammen. Ostern sei auch ein Lebensrhythmusfest, deshalb könnte er an Ostern und Weihnachten nicht in die Ferien gehen. Weihnachten im Südsommer oder Ostern in den Tropen – für ihn unvorstellbar.
«Ostern heisst: Es geht weiter, und zwar bedingungslos», sagt Schleicher. «Ostern heisst, dass der Tod, die Vergänglichkeit nicht das letzte Wort hat.» Wir kommen bei einem zurückgeschnittenen Grasbüschel vorbei, das im Verlauf des Frühlings wieder grün ausschlagen wird, auch wenn dies beim Anblick der dürren Überreste kaum vorstellbar erscheint. Viele Kulturen und Religionen begehen den Frühlingsbeginn mit Ritualen und Feierlichkeiten. Spezifisch christlich ist die Vorstellung, dass Gott in Jesus aufersteht. Es geht weiter, aber nicht wie wenn nichts gewesen wäre. Schleicher verweist auf das Auferstehungsbild des Isenheimer Altars. «Trotz der ganzen Herrlichkeit sind die Wunden sichtbar», betont er. Auferstehung heisst also: Es geht weiter, aber die Wunden nehme ich mit. 

Kann man das Wort «Auferstehung» auch inflationär verwenden, also so, dass sein Wert abnimmt? Schleicher hält es für legitim, von Auferstehung auch ausserhalb des religiösen Bezuges zu sprechen. Wichtig ist ihm, dass man sich bewusst macht, warum man von Auferstehung spricht. Ostern, das sind auch Erfahrungen im Alltag, die spirituell-religiös gedeutet werden. Das Genesen von einer Krankheit, das Überwinden einer Krise, manchmal einfach das Aufwachen nach langem Schlaf. Zu dieser Spiritualität des Alltags gehört auch das Fest. Dieses müsse aus dem Alltag herausragen, ohne den Bezug dazu zu verlieren, meint Schleicher. Wenn man nicht mehr weiss, was es zu feiern gibt, hört man irgendwann auch mit dem Feiern auf.

Regula Vogt-Kohler

 

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