Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen. Jesu Gebot ist klar, und die katholische Kirche hält sich daran. Andere Forderungen Jesu, etwa auf Gewalt zu verzichten, legt die Kirche allerdings elastischer aus. Viele Seelsorger fordern und praktizieren deshalb Barmherzigkeit gegenüber Menschen, die nach einer Scheidung in zweiter Ehe leben.
Die zivilrechtliche Scheidung hat für die Kirche keine Bedeutung, wenigstens nicht für die Lehre und das Kirchenrecht. In dieser Sichtweise leben Geschiedene einfach getrennt. Die Probleme beginnen erst mit einer erneuten (zivilrechtlichen) Heirat. Denn der wiederverheiratete Katholik begeht nun andauernden Ehebruch. Weil er diesen nicht bereut und rückgängig macht, wäre eine Beichte nicht gültig, und ohne gültige Beichte bleibt er vom Kommunionempfang ausgeschlossen. Offiziell.
Als der Churer Bischof im März dieses Jahres in einem Hirtenbrief diese Regelung in Erinnerung rief, reagierten Seelsorger aus den ganzen Deutschschweiz. Die Pastoralkonferenz Baselland rief ihre bereits 1993 bezogene Position einer toleranten Praxis in Erinnerung. Die Baselbieter Seelsorgerinnen und Seelsorger hatten damals schon darauf hingewiesen, dass die Kirche Scheitern und Schuldigwerden in andern Lebensbereichen nicht mit der gleichen Härte beurteile. Bei einem festen Willen zu einer dauerhaften Partnerschaft sollte ein Neuanfang möglich sein. Und auch der Basler Bischof Felix Gmür meinte kurz nach Publikation des Churer Hirtenbriefs und mit Blick auf die von Jesus geübte Barmherzigkeit, es sei gewiss absurd, wenn gemäss kirchlicher Lehre alle Sünden irgendwann vergebungswürdig seien – mit Ausnahme der Wiederverheiratung.
Die Ehe ist für Jesus, für die Kirche und auch für jene Seelsorgenden, die Wiederverheiratete zur Kommunion zulassen, eine Lebens- und nicht nur eine Lebensabschnittsgemeinschaft. Und auch die allermeisten Heiratswilligen sagen Ja zu einem gemeinsamen Leben bis zum Tod. Die Bibel versteht die eheliche Liebe als Abbild des dreieinigen Gottes: «Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Mann und Frau schuf er sie.» Auf die Schöpfungsordnung blickt auch Jesus in seinen Worten zur Ehe. Doch in Jesu Verkündigung und Handeln gibt es neben dem Festhalten an der (grundsätzlichen) Unauflösbarkeit der Ehe das Evangelium von Gottes vorbehaltloser Liebe zu den Menschen, auch den Sündern und die Praxis der Gemeinschaft stiftenden Versöhnung.
Die Kirche steht vor der grossen Herausforderung, die Botschaft von Umkehr und Vergebung und gleichzeitig die Normvorstellungen von ehelicher Treue zu verkünden. In den letzten Jahrzehnten sind in vielen Regionen kirchliche Eheberatungsstellen geschaffen worden, die Paaren helfen können, dem Ideal einer Ehe nachzuleben. Wo aber eine Ehe scheitert, mache es doch einen Unterschied, so meinen viele Theologen, ob jemand seine Ehe bewusst gebrochen habe, oder ob er sich zur eigenen Schuld bekenne und in der neuen Partnerschaft Liebe und Treue lebe.
Alois Schuler
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