Sie entwarf als erste Frau eine Ordensregel, prägte eine geschwisterliche Gemeinschaft und kämpfte für das «Privileg der Armut». Und Franz von Assisi, der ihr half, ihren Weg zu finden, wäre ohne sie nicht der geworden, als den wir ihn kennen. Vor 800 Jahren gelobte Klara von Assisi ein Leben in Armut. Am 11. August ist ihr Gedenktag.
Es war ein Skandal, als 1206 Franziskus, Sohn eines reichen Kaufmanns in Assisi, das vornehme Stadtleben mit dem eines Bettlers und seine Kleider gegen ein Büssergewand tauschte. Und noch grösser war der Skandal, als 1212 Chiara, 18-jährige Tochter des Adligen Favarone di Offreduccio di Bernadino, sich ohne Begleitung nachts aus der Stadt begab und sich von Franziskus die Haare schneiden liess und vor ihm ein Gelübde ablegte.
Über Jahrhunderte war Klara in der franziskanischen Geschichtsschreibung nur ein – wenn auch besonderes – Ornament in der Biografie des Ordensgründers. Inzwischen hat die Forschung in Klara eine eigenständige, zielstrebige und spirituell zutiefst begnadete Frau entdeckt. Schon ihre Mutter Ortulana muss eine besondere Frau gewesen sein. Sie hatte Pilgerreisen nach Santiago de Compostela und nach Jerusalem unternommen und gemäss den Quellen mit ihren Töchtern auch Gespräche über geistliche Themen geführt.
Franziskus und seine Gemeinschaft nahmen Klara vorerst auf, doch in der Ordensregel, die Franziskus dem Papst vorgelegt hatte, waren Frauen nicht vorgesehen. Und ein gleichberechtigtes Miteinander von Frauen und Männern gab es nur in von der Kirche verfolgten häretischen Gemeinschaften. Weil Klara überzeugt war, dass auch Frauen zu einem Leben in freiwillig gewählter Armut berufen sind, kam für sie ein Leben in einem der bestehenden reichen Frauenklöster nicht in Frage. Nach einigen Monaten gründete Klara zusammen mit ihrer leiblichen Schwester Katharina und einer Freundin aus Perugia eine kleine Gemeinschaft in San Damiano. Doch 1215 bestimmte das vierte Laterankonzil, dass alle neuen Frauengemeinschaften eine alte Ordensregel mit einer strengen Klausur annehmen müssten. Bis ans Ende ihres Lebens kämpfte Klara für ihre neue Regel, deren Kern in Besitzlosigkeit, Geschwisterlichkeit und Gastfreundschaft besteht.
Die letzten 30 Jahre bis zu ihrem Tod 1255 war Klara ans Krankenbett gebunden. Erst auf dem Sterbebett erhielt sie das päpstliche Dokument, das die Regel für ihre Gemeinschaft bestätigte. Die Regel betonte die Eigenverantwortung jeder einzelnen Schwester. Viele Frauen in ganz Europa fühlten sich davon angesprochen und traten den Klarissen bei.
Klaras Ordensregel gilt heute vielen als Modell einer geschwisterlichen Kirche und ihr Einsatz für diese Regel als vorbildlich für Dialog und gewaltfreien Widerstand. Sie verhandelte mit Kardinälen und Päpsten und gab nicht nach, bis ihr das «Privileg der Armut» zugestanden wurde. Und Klara war offensichtlich eine von Gott bewegte Frau, die auf besondere Weise Solidarität und Freundschaft mit Menschen aller Schichten lebte, eine Heilige eben.
Alois Schuler
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