Religion hat als Thema von Politik und Medien grosse Bedeutung, wird aber für die einzelnen Menschen immer unwichtiger. Zu diesem Schluss kommt das Nationale Forschungsprogramm «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft». Der Glaube sei zur Option geworden, sagt Religionssoziologe Hans Joas. Modernisierung führe nicht zwangsläufig zu Säkularisierung.
Vier Jahre lang erforschten über 135 Wissenschaftler die Religionslandschaft der Schweiz. Der zentrale Befund des vor Kurzem vorgestellten Schlussberichts des Forschungsprogramms «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft» (NFP 58) ist ein Paradox: Religiöse Themen gewinnen in der Öffentlichkeit in überzeichneter Form an Bedeutung, während die Religion im Leben der Menschen immer unwichtiger wird. Das Konfliktpotenzial der Religionen werde überschätzt, betont der Bericht. So würden Migrantenreligionen stereotyp als «gut» oder «schlecht» wahrgenommen. Der Islam gelte als problematisch, der Buddhismus als gut. «Beides stimmt nicht mit der Realität überein», gab der Präsident der Leitungsgruppe des NFP 58, der Bayreuther Religionswissenschafter Christoph Blochinger, bei der Präsentation des Schlussberichts zu bedenken. Bei Christen und Juden hingegen differenziere die Bevölkerung ausgewogener.
Angehörige und Funktionäre von Migrantenreligionen haben gewöhnlich ein grosses Vertrauen in die Schweizer Behörden, dies im Gegensatz zu ihrer Haltung zu den Behörden der Herkunftsländer. Weil die religiöse Landschaft immer heterogener werde, zeichne sich jedoch eine «Verschärfung des Verhältnisses zwischen stark Religiösen und Religionsdistanzierten» ab, sagte Blochinger. Daher gelte es, den respektvollen Umgang zwischen den verschiedenen Gruppen zu fördern. Blochinger plädiert dafür, dass nicht nur Religiöse bei Religionsproblemen mitreden sollen.
17 Prozent der Bevölkerung zählen sich in religiösen Gemeinschaften zur Kerngemeinde. 64 Prozent sind den Distanzierten zuzurechnen. Diese Gruppe sei bis heute nicht richtig erfasst, finde sich aber in allen Religionsgemeinschaften in der Schweiz, sagte Jörg Stolz, Inhaber des Lehrstuhls für Religionssoziologie in Lausanne und Leiter des «Observatoire des religions en Suisse», bei der Medienkonferenz zum Abschluss des NFP 58. 10 Prozent sind als «säkulär» einzustufen, was nicht heisse, dass sie gegen Religion seien.
Der Anteil der Konfessionslosen ist in der Schweiz zwar deutlich gestiegen, aber im Vergleich mit europäischen Ländern eher niedrig. Der deutsche Religionssoziologe Hans Joas verneint in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» den Zusammenhang zwischen Modernisierung und Säkularisierung. Joas verweist auf das Beispiel Südkorea: Dort sei mit der Modernisierung eine verstärkte Christianisierung einhergegangen. Dass der religiöse Glaube an Boden verliert, hat für Joas weniger mit der Modernisierung als mit der für die heutige Zeit charakteristischen Steigerung der Optionen zu tun. Die Religionen müssten sich darauf einstellen, dass der Glaube zur Option geworden sei, sagt Joas.
Regula Vogt-Kohler
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