Ausgabe 26, 23. bis 29. Juni 2012

Einsiedeln zieht nach wie vor grosse Pilgerscharen an. (Foto: P. Bruno Greis/Kloster Einsiedeln )Einsiedeln zieht nach wie vor grosse Pilgerscharen an. (Foto: P. Bruno Greis/Kloster Einsiedeln )

Pilger suchen eine Gruppenerfahrung oder eine Auszeit

Einsiedeln will veränderten Bedürfnissen der Wallfahrer gerecht werden

Im Zug nach Einsiedeln gleitet ein himmelblauer Plastikrosenkranz durch die Finger einer älteren Dame. Sie betet. Vermutlich befindet sie sich auf einer ganz persönlichen Wallfahrt. Die Dame ist nur eine Person von einer Million Menschen, die jedes Jahr den Ort Einsiedeln besuchen.

Eine Unterteilung in Touristen und Wallfahrer sei nicht möglich, sagt das Tourismusbüro auf Anfrage, jedoch ist es unwahrscheinlich, dass ein Besucher des Ortes die Benediktinerabtei als barockes Kulturgut links liegen lässt. So wird beim Besuch des Klosters fast jeder Tourist ein wenig Wallfahrer.

In Einsiedeln kümmert sich seit drei Jahren ein Wallfahrtsbüro um die Anliegen und Bedürfnisse der Wallfahrer. Ihre Zahl steigt kontinuierlich an. Ebenso sind ihre Anliegen vielfältiger geworden und bedürfen einer aufwendigeren Koordination als früher. Drei Mitarbeiter bewältigen die tägliche Organisation der Wallfahrten. Verlässt eine Pilgergruppe die Kirchenbänke vor der Gnadenkapelle, werden diese sofort von der nächsten Gruppe belegt. Eine Feier schliesst fast nahtlos an die vorige an. Auch Schulklassen kommen. In Grüppchen zusammengedrückt folgen sie in der Regel einem Pater. 

Gottesdienste und Führungen durch die Klosterkirche koordinieren sind zwei von vielen Aufgaben des Wallfahrtsbüros. Seit drei Jahren gibt es das Büro mit seinen drei Mitarbeitern. Kaum zu glauben, dass diese Tätigkeiten zuvor von einem einzigen Pater im Rahmen seiner Aufgabe an der Klosterpforte bewältigt worden ist.

Jean-Marie Duvoisin, seit drei Jahren Mitarbeiter im Wallfahrtsbüro, erklärt das Prinzip der Wallfahrerbetreuung in einem kurzen Satz: «Das Kloster kümmert sich um die Seelsorge und das Dorf um das körperliche Wohl.» Das Wallfahren sei keineswegs eine veraltete Form von Reisen, sondern erfreue sich zunehmender Beliebtheit. Gerade in den letzten Jahren haben viele Menschen den Jakobsweg wieder entdeckt. Dieser führt auch durch Einsiedeln. Pater Lorenz Moser, Leiter des Wallfahrtsbüros, erzählt, dass es Stimmen gebe, wonach die Pilgerzahl sich in den nächsten Jahren verfünffachen könnte.

Die soziale Zusammensetzung der Pilger hat sich indessen ebenfalls verändert. Das Stammpublikum nimmt etwas ab, dafür kommen andere ethnische Gruppen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine Person tamilischer Herkunft die Gnadenkapelle mit der schwarzen Madonna besucht, erzählt Pater Lorenz. Das erklärt die viersprachigen Hinweistafeln in der Kirche: Neben Deutsch, Englisch und Französisch werden die Informationen auch in tamilischer Sprache verbreitet. 

Der Wandel der Zeit betrifft nicht nur das Kloster und seine Betreuungsangebote, auch die Motivation der Wallfahrer hat sich verändert. War eine Wallfahrt ursprünglich eng mit einem persönlichen Anliegen verbunden gewesen, ist es heute vermehrt das Gruppen­erlebnis oder die Idee einer Auszeit, welche die Pilger antreibt. Zeitgemässe Pilgerbetreuung sei eine Absichtserklärung des Klosters: Man will in Einsiedeln nicht stehen, sondern offen bleiben.

kipa/acm

 

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