Ausgabe 30-32, 23. Juli bis 12. August 2011

Die Muschel führt die Jakobspilger sicher nach Santiago de Compostela.Die Muschel führt die Jakobspilger sicher nach Santiago de Compostela.

Im Mittelalter war Pilgern mehr als eine Selbsterfahrung

Danken, bitten und büssen am Ende der Welt

Wer heute einen Pilgerweg begeht, will etwas erleben. Selbsterfahrung, Gruppengefühl und vielleicht auch Leistungsdenken stehen im Vordergrund. Im Mittelalter führten Dank, Bitten oder Busse Scharen von Menschen zu den Apostelgräbern in Rom oder Santiago de Compostela.

Über 270 000 Menschen pilgerten letztes Jahr nach Santiago de Compostela. Hundert Mal mehr als vor 20 Jahren. Dazu kamen 2010 etwa acht Millionen Besucher. Denn als Pilger zählt hier nur, wer die letzten hundert Kilometer zu Fuss oder 200 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt hat. Eine Massenbewegung Richtung Santiago de Compostela – allerdings unter ganz andern Umständen – hatte es auch im Mittelalter gegeben. Nach der Jahrtausendwende stand das Grab des Apostels Jakobus in Galizien, am westlichen Ende der Welt, als Zielpunkt einer Pilgerfahrt im gleichen Rang wie Jerusalem und Rom. 

In Rom waren Petrus und Paulus gestorben und begraben worden, in Jerusalem Jesus Christus. Nach Spanien hingegen seien die Gebeine des Apostels Jakobus nach dessen Martyrium in Palästina gebracht worden. Doch erst im 9. Jahrhundert kommt diese Legende in Umlauf. Nur in den nördlichen Gebirgsgegenden Asturiens und Galiziens hatten sich die Christen im 8. Jahrhundert gegen den Ansturm der Mauren behaupten können. Der aufkommende Jakobuskult verschaffte der beginnenden Wiedereroberung, der Reconquista, Motivation und dem erstarkenden asturischen Königreich Legitimation. «Jakobus, der Maurentöter» wurde zum Patron der Christenheit.

Bis im 14. Jahrhundert führten Reliquienfrömmigkeit und Wundergläubigkeit zu richtigen Pilgerströmen aus Frankreich und Deutschland nach Santiago de Compostela. Denn vom Apostelgrab, von den Reliquien, erwartete man Wunder. Und die Kirche hatte den Pilgern einen Ablass ihrer Sündenstrafen zugesagt. Es entstanden regelrechte Pilgerstrassen, an deren Verlauf Kirchen und Klöster, Herbergen und Hospize gebaut wurden. Ein Pilgerbuch aus dem 12. Jahrhundert klagt allerdings auch über betrügerische Wirte, falsche Beichtväter, unehrliche Geldwechsler und Dirnen.

Wer pilgerte, lebte gefährlich. Wer sich auf die Reise machte, ordnete vorher seine persönlichen Angelegenheiten. Nicht jeder kehrte zurück. Die meisten Pilger im Mittelalter waren einfache Menschen. Sie suchten ihr Seelenheil, sie wollten um die Heilung eines nahe stehenden Menschen bitten oder hatten das Gelübde abgelegt, bei erfolgter Heilung die Wallfahrt zu unternehmen. Doch gab es auch die Strafpilgerfahrt, verordnet von einer kirchlichen oder weltlichen Instanz. Und schliesslich gab es im Mittelalter auch berufsmässige Pilger, die stellvertretend für andere den Weg unter die Füsse nahmen.

Weil der Mensch sein ganzes Leben lang unterwegs zu Gott ist, gilt Pilgern als Inbegriff der christlichen Existenz. Pilger hatten für die Reise einen besonderen religiösen Status. Sie gehörten als Pilger zu einer Gemeinschaft, die keine nationalen Grenzen und keine sozialen Ränge kannten. Man teilte die Gefahren und sein Brot und war so unterwegs auf dem schmalen Pfad, der ins Himmelreich führt. 

Alois Schuler 

Zum Artikel «Viele Wege führen nach Santiago de Compostela»

 

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